Woche der seelischen Gesundheit: Wenn Erschöpfung und Depression auch die Sexualität verändern
Seelische Gesundheit betrifft nicht nur unsere Gedanken und Gefühle. Sie zeigt sich auch darin, wie wir unseren Körper erleben, ob wir Nähe zulassen können und ob wir Lust, Berührung und Lebendigkeit noch wahrnehmen. Gerade Depression und anhaltende Erschöpfung können die Sexualität tiefgreifend verändern. Zur Woche der seelischen Gesundheit möchte ich deshalb einen Bereich sichtbar machen, über den noch immer erstaunlich wenig gesprochen wird.

Woche der seelischen Gesundheit: Worüber wir mehr sprechen sollten
Die Woche der seelischen Gesundheit schafft jedes Jahr einen wichtigen Raum: für psychische Belastungen, Depression, Ängste, Einsamkeit, Überforderung und die Frage, was Menschen brauchen, um seelisch gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden.
Das ist wichtig.
Und gleichzeitig fehlt mir in vielen Gesprächen über seelische Gesundheit ein wesentlicher Bereich unseres Menschseins:
unsere Sexualität.
Denn seelische Gesundheit endet nicht am Hals.
Wir erleben Depression, Stress und Erschöpfung nicht nur in unseren Gedanken. Wir erleben sie in unserem Körper.
In unserer Atmung.
In unserer Muskelspannung.
In unserem Schlaf.
In unserer Fähigkeit, Nähe zuzulassen.
In unserer Körperwahrnehmung.
Und eben auch in unserer Sexualität.
Deshalb möchte ich die Woche der seelischen Gesundheit nutzen, um genau diesen Zusammenhang stärker in den Blick zu nehmen.
Depression, Erschöpfung und Sexualität gehören zusammen
In meiner Praxis begegne ich immer wieder Menschen, die zunächst gar keinen Zusammenhang zwischen ihrer seelischen Verfassung und ihrer Sexualität herstellen.
Sie sagen beispielsweise:
„Ich funktioniere eigentlich noch – aber ich spüre mich kaum.“
„Ich liebe meinen Partner, aber ich möchte nicht mehr berührt werden.“
„Früher hatte ich Lust. Heute ist da einfach nichts.“
„Ich bin so erschöpft, dass selbst Nähe manchmal zu viel ist.“
Oder ein Mensch kommt wegen fehlender Lust, Orgasmusproblemen oder Schwierigkeiten mit der Erektion – und im gemeinsamen Arbeiten wird sichtbar, wie viel chronischer Stress, innere Anspannung, depressive Symptomatik oder Erschöpfung gleichzeitig vorhanden sind.
Das eine lässt sich nicht immer sauber vom anderen trennen.
Was hat Depression mit sexueller Lust zu tun?
Zu einer Depression können Interessenverlust, Antriebsminderung und eine verminderte Fähigkeit gehören, Freude zu empfinden.
Das kann auch Sexualität betreffen.
Lust kann verschwinden. Berührung fühlt sich plötzlich gleichgültig oder unangenehm an. Ein Orgasmus wird schwieriger. Die Erektion verändert sich. Nähe wird anstrengend. Sexualität fühlt sich nicht mehr nach Genuss an, sondern nach einer weiteren Aufgabe.
Zusätzlich können körperliche Faktoren, Schlafprobleme, Beziehungskonflikte und bei manchen Menschen auch sexuelle Nebenwirkungen von Medikamenten eine Rolle spielen.
Doch häufig entsteht noch eine zweite Belastung:
der Druck, wieder funktionieren zu müssen.
„Warum habe ich keine Lust mehr?“
„Mit mir stimmt doch etwas nicht.“
„Warum kann ich nicht einfach wieder Sex haben wie früher?“
„Mein Partner braucht doch auch Nähe.“
Ausgerechnet Sexualität wird damit zu einem weiteren Ort von Leistung und Versagen.
Dabei braucht dieser Bereich häufig zunächst genau das Gegenteil.
Sexualität beginnt nicht im Genital
Sexualität wird noch immer erstaunlich mechanisch betrachtet.
Funktioniert die Erektion?
Kommt es zum Orgasmus?
Ist genügend Lust vorhanden?
Wie häufig findet Sex statt?
Doch menschliche Sexualität ist wesentlich komplexer.
Sie entsteht im Zusammenspiel von Gehirn, Hormonen, Nervensystem, Körperwahrnehmung, Beziehung, Bindungserfahrungen, Sicherheit, Erregung und der Fähigkeit, überhaupt wahrzunehmen, was sich im eigenen Körper ereignet.
Genau deshalb schaue ich in meiner sexualtherapeutischen Arbeit nicht ausschließlich auf die Sexualität.
Ich schaue auf den ganzen Menschen.
Wie atmest du?
Kannst du Spannung und Entspannung unterscheiden?
Spürst du deinen Körper von innen?
Was geschieht in dir, wenn dir jemand nahekommt?
Kann dein Körper Erregung zulassen – oder wird Erregung sehr schnell zu Stress?
Kannst du genießen, ohne etwas leisten zu müssen?
Und vielleicht noch grundlegender:
Kannst du überhaupt wahrnehmen, was du gerade brauchst?
Wenn das Nervensystem erschöpft ist
Bei länger anhaltendem Stress und Erschöpfung kann sich unser gesamtes Erleben verändern.
Manche Menschen bleiben innerlich in permanenter Alarmbereitschaft. Sie funktionieren, organisieren, kümmern sich und arbeiten weiter – wirkliche Entspannung findet jedoch kaum noch statt.
Andere erleben zunehmend Rückzug: Müdigkeit, Schwere, wenig Antrieb, wenig Interesse und manchmal das Gefühl, emotional wie körperlich kaum noch erreichbar zu sein.
Beides kann Auswirkungen auf Sexualität und Nähe haben.
Denn lustvolle Sexualität braucht nicht einfach nur „mehr Erregung“.
Sie braucht auch ausreichend Sicherheit, Körperwahrnehmung und die Fähigkeit des Nervensystems, zwischen Aktivierung und Entspannung wechseln zu können.
Ein Körper, der permanent mit Stress, Anpassung oder Erschöpfung beschäftigt ist, setzt möglicherweise andere Prioritäten als sexuelle Lust.
Für viele meiner Patientinnen und Patienten ist deshalb ein Perspektivwechsel hilfreich.
Nicht nur:
„Warum habe ich keine Lust mehr?“
Sondern:
„Was braucht mein Körper, damit er sich wieder sicher genug fühlt, etwas zu wollen, zu genießen und lebendig zu werden?“
Erschöpfung: Wenn der Wunsch noch da ist, aber der Körper nicht mitkommt
Gerade bei Menschen mit ausgeprägter Erschöpfung finde ich die Unterscheidung zwischen Wollen und Könnenwesentlich.
Vielleicht gibt es den Wunsch nach Nähe noch.
Vielleicht gibt es sogar den Wunsch nach Sexualität.
Aber der Körper kann die dafür notwendige Aktivierung momentan nicht gut tragen.
Dann besteht die Lösung nicht zwangsläufig darin, sich „wieder mehr Mühe zu geben“.
Manchmal beginnt der Weg zurück viel kleiner.
Eine Hand auf dem eigenen Brustkorb wahrnehmen.
Den Kontakt der Füße zum Boden spüren.
Einen Atemzug nicht verändern, sondern beobachten.
Wärme wahrnehmen.
Eine Berührung wieder unterscheiden lernen:
angenehm – neutral – unangenehm.
Ein kleines Ja im Körper entdecken.
Oder ein Nein wahrnehmen und ernst nehmen.
Das klingt zunächst unspektakulär.
Für einen Menschen, der über Monate oder Jahre hauptsächlich funktioniert hat, kann genau darin jedoch etwas Entscheidendes liegen:
sich selbst wieder zu spüren.
Warum meine Sexualtherapie auch körperorientierte Arbeit ist
In meiner Arbeit verbinde ich sexualtherapeutische Perspektiven unter anderem mit körperorientierter Arbeit und Ansätzen aus Somatic Experiencing®.
Dabei geht es mir nicht darum, einen Menschen möglichst schnell wieder „funktionsfähig“ zu machen.
Mich interessiert zunächst:
Was geschieht gerade im Nervensystem und im Körper?
Wo entsteht Spannung?
Wann wird etwas zu viel?
Wo findet Rückzug statt?
Was verändert sich mit der Atmung?
Und wo gibt es vielleicht bereits kleine Momente von Wärme, Neugier, Kraft, Lust oder Lebendigkeit, die bisher kaum wahrgenommen werden?
Diese kleinen Veränderungen interessieren mich.
Denn Regulation bedeutet nicht, ständig entspannt zu sein.
Es bedeutet auch, Aktivierung erleben zu können, ohne von ihr überwältigt zu werden – und anschließend wieder in einen regulierteren Zustand zurückzufinden.
Für Sexualität ist diese Fähigkeit von großer Bedeutung.
Lust ist mehr als Sex
Wenn Menschen wegen sexueller Schwierigkeiten zu mir kommen, geht es deshalb nicht zwangsläufig sofort um sexuelle Techniken.
Manchmal geht es zunächst darum, überhaupt wieder etwas wahrzunehmen.
Musik. – Wärme. – Atmung. – Bewegung. – Berührung. – Neugier. – Kraft. – Traurigkeit. – Wut.
Ein Bedürfnis. – Eine Grenze.
Vielleicht irgendwann wieder Genuss.
Für mich gehört all das zu einer Sexualität, die nicht auf Funktion reduziert wird.
Sexualität ist auch eine Form von Lebendigkeit.
Und vielleicht ist genau deshalb die Frage nach Sexualität während der Woche der seelischen Gesundheit so wichtig.
Nicht nur:
„Wie bekomme ich meine Libido wieder zum Funktionieren?“
Sondern:
„Wo in meinem Leben kann ich mich noch spüren?“
„Wo fühle ich mich sicher genug, lebendig zu sein?“
„Was braucht mein Körper gerade wirklich?“
Seelische Gesundheit bedeutet für mich, den ganzen Menschen zu sehen
Die Woche der seelischen Gesundheit erinnert uns daran, psychische Belastungen sichtbar zu machen und Unterstützung zugänglicher zu machen.
Für mich gehört dazu auch, die künstliche Trennung zwischen Psyche, Körper, Beziehung und Sexualität immer wieder infrage zu stellen.
Psychotherapeutische und medizinische Behandlung haben insbesondere bei Depressionen und schweren Erschöpfungszuständen einen wichtigen Platz.
Aber wir erleben unser Leben nicht in getrennten Schubladen.
Wir erleben es in einem Körper.
Vielleicht beginnt ein Teil des Weges aus Erschöpfung und innerem Rückzug deshalb damit, diesen Körper langsam wieder zu bewohnen.
Nicht mit dem nächsten Leistungsziel.
Nicht mit dem Anspruch, endlich wieder funktionieren zu müssen.
Sondern zunächst mit Wahrnehmung.
Und irgendwann vielleicht mit der Entdeckung:
Da ist etwas in mir, das fühlen möchte.
Etwas, das in Beziehung gehen möchte.
Etwas, das genießen möchte.
Etwas, das lebendig sein möchte.
Unterstützung bei Sexualität, Depression und Erschöpfung
Wenn du merkst, dass Erschöpfung, depressive Phasen, chronischer Stress oder innere Anspannung auch deine Sexualität und deine Beziehung zu deinem Körper verändert haben, kann es sinnvoll sein, diese Themen nicht getrennt voneinander zu betrachten.
In meiner Praxis Natur & Psyche in Leipzig und in meiner Arbeit in Chemnitz verbinde ich Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz, Sexualtherapie und körperorientierte Ansätze.
Dabei geht es nicht darum, Sexualität wieder „zum Funktionieren“ zu bringen.
Es geht darum, gemeinsam herauszufinden, was dein Körper und dein Nervensystem brauchen, damit Wahrnehmung, Sicherheit, Nähe und Lebendigkeit wieder mehr Raum bekommen können.
Thomas Paul Becher
Heilpraktiker · Heilpraktiker für Psychotherapie · Sexualtherapeut · körperorientierte Begleitung
Natur & Psyche
